Vertrauen stärkt

2019-01-27_Grafische-Darstellung-Stundenlohn-bei-atypischer-BeschaeftigungDie politischen Herausforderungen in offenen Gesellschaften werden größer, je länger sie unangetastet bleiben. Sie betreffen Klimawandel, Finanzmarktkrise, andauernd hohe Erwerbsarbeitslosigkeit und zunehmende soziale Spaltung ebenso wie steigende Armut oder viele weitere Bereiche.

2022-03-21_Verhaeltnis-offene-Stellen-zu-Arbeitslosen_Oesterreich_1946-2021Die Grafiken zeigen das anhaltende Missverhältnis zwischen der Anzahl an (unfreiwillig) Erwerbslosen und der Zahl an offenen Stellen

Selbst unter schwierigsten neoliberalen Randbedingungen gibt es Möglichkeiten, zunehmende soziale Spaltung zu reduzieren. Die Stadt Preston macht deutlich wie’s geht, indem versucht wird, Wohlstand lokal aufzubauen. Auf dem Arbeitsmarkt konnten diese zwei Effekte erzielt werden: „Neben höheren Löhnen konnte Preston während der letzten Jahre auch 1.600 neue Arbeitsplätze schaffen.“ (Julia Eder, in: Für die Menschen, nicht für die Profite!)

2020-01-09_jbi_preston-modellDie politischen Herausforderungen in einer offenen Gesellschaft bewältigen zu wollen erfordert mitunter einen grundsätzlichen Paradigmenwechsel im Denken und Handeln. Das Credo über ein fortdauerndes Wachstum, die Plünderung unseres Planeten und der Natur, die Liberalisierung der Märkte und Deregulierung der Arbeit finden immer weniger Zustimmung bei den Menschen. Wie aber können wir die sich daraus ableitenden, vielfältigen und multiplen Krisen überwinden? Einige davon weichen durch ihre Dauerhaftigkeit den Boden, auf dem unsere Gesellschaften stehen, gefährlich auf. Dies umso mehr, als ihre Bezogenheit aufeinander mitunter zu zusätzlichen Herausforderungen führt. Sofern die potenziellen Gefahren dieser Interdependenzen nicht rechtzeitig entschärft werden ist fallweise auch mit Ausnahmezuständen wie jene im Zuge der Gelbwesten-Protestbewegung zu rechnen.

Um diese Frage einer wirksamen Antwort zuführen zu können, werden wir mit einem Blick auf das Ganze beginnen müssen. Dabei können wir zwischen unserem Einsatz für strukturelle Maßnahmen und konkreten Diensten am Nächsten unterscheiden. Der eine Bereich ist nicht unmittelbar mit dem anderen vergleichbar, doch eines ist klar: die gesetzlichen und kulturellen Rahmenbedingungen haben einen wesentlichen Einfluss auf unser tägliches Leben.

2017-02-21_armutskonferenz_wilkinson_vertrauenAls Suchende sind wir aufgerufen, gemeinsam eine bessere Welt für alle, auch für kommende Generationen und für die natürliche Umwelt zu schaffen. Mit Philanthropie allein werden wir allerdings noch keinen Sozialstaat begründen, ebensowenig wie er damit aufrecht erhalten werden kann. Gewiss: vieles ist machbar – auch im eigenen Land, insbesondere hinsichtlich der Reduktion von Ungleichheit. Diesbezüglich darf es keine Ausreden geben. Doch angesichts der Herausforderungen umfassender Transformationen braucht es – in mehrfacher Hinsicht – grenzüberschreitende Schulterschlüsse und internationale Zusammenarbeit. Wie damals zwischen Helmut Kohl und Michail Gorbatschow: „Wenn ich das Vertrauen* in Kohl nicht gehabt hätte, wäre manches anders gelaufen.“.

Beginnen wir dort, wo wir handeln können: zB durch Initiieren eines „Festtages der befreienden Dialoge“ oder von Zukunfts- respektive Gemeinwohl-Werkstätten, die über die Würdigung von Engagierten hinaus zu mehr Partizipation im Sinne eines guten Lebens für alle führen. In diesem Sinne sind grundsätzlich ALLE eingeladen, an der Stärkung einer OEKOnomie des Vertrauens mitzuwirken und diese politisch mitzutragen, weil der mediale Druck für sozial engagierte Menschen in der Politik unerträglich geworden ist (vgl. Rita Trattnigg am Ende ihres Interviews). In Deutschland lädt hierzu das Forum der Generationenzukunft ein und im regionalen oder unternehmensspezifischen Bereich bemühen sich Thomas Haderlapp und Rita Trattnigg (Institut für kulturellen Wandel) um die politische Mitgestaltung bei der Lösung konkreter Aufgabenstellungen mittels Etablierung und Begleitung eines BürgerInnen-Rates.

2019-12-27_Solidaritaet-braucht-VertrauenViele der bisher diskutierten Modelle gehen zu wenig weit. Globale wirtschaftliche Verflechtungen und „private Regierungen„, die Gemeinden und Staaten dazu veranlassen, sich bei international tätigen Konzernen zu bewerben, erfordern entsprechende Lösungen. Um den Freiheitsgrad der abhängig, also nicht nur unselbständig und zunehmend prekär Beschäftigten zu erhöhen, bedarf es der jeweiligen Gegenmacht dort, wo mitunter auch Unfreiheit strukturell verankert wird: bei den Ergebnissen parlamentarischer Arbeit.

2019-01-24_Solidaritaetspartnerschaft_Postkarte


Anmerkung

*| Richard Wrangham: „Menschen sind Meister der gemeinsamen Intentionalität, bei Kindern wird sie bereits am Ende des ersten Lebensjahres erkennbar. Schimpansen zeigen dagegen wenig davon. Nach Ansicht von Tomasello ist die gemeinsame Intentionalität eine Erklärung, warum wir so viele einmalig menschliche Dinge können, zum Beispiel rechnen, Wolkenkratzer bauen, in Sinfonieorchestern musizieren oder Regierungen bilden. Wenn jedoch die Hypothese stimmt, dass die Auslese gegen reaktive Aggression für das Domestizierungssyndrom verantwortlich ist, dann war die außergewöhnlichste aller typisch menschlichen Fähigkeiten diejenige, die es den Menschen erlaubte, genug Vertrauen zueinander zu fassen, um gemeinsam einen Aggressor zu ermorden. Diese Fähigkeit könnte uns domestiziert und, wie wir … sehen werden, viele Formen der menschlichen Kooperation ermöglicht haben.“ (S 233)

Weiterlesen und -hören

Der US-amerikanische Neuroökonom Paul Zak meint in The Neuroscience of Trust: „So it’s clear that creating an employee-centric culture can be good for business.“

Uwe Lübbermann: „Die Kunst sei es, ein Kollektiv aus unterschiedlichen Leuten so zu moderieren, dass am Ende ein tragfähiges Ergebnis herauskommt.“

Rita Trattnigg: „Wenn wir uns organisieren, dann können wir mehr bewegen“ und „Ich würde die Erwachsenen darin bestärken, die Kinder in dem ernst zu nehmen, wozu sie schon fähig sind, auch in diesem jungen Alter“ oder „Die Kinder sind eigentlich die wahren Utopisten“ …

… siehe dazu auch Pierre Bourdieu in: Die Regeln der Kunst

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