Glasperlenspiel

2017-03-03_kulturpreis_empfehle-uns-deine-favoritin

Diskussion über einen möglichen Namen für ein Veranstaltungsformat, das als Gemeinschaft fördernder Rat für Bürgerbeteiligung beschrieben werden kann. Seine Aufgabe ist die Förderung von Chancengerechtigkeit. Für Margit Fischer bedeutet sie, „den einzelnen Menschen in Wettbewerbssituationen – sei es der Zugang zur Bildung oder der Zugang zu gesunden Lebensbedingungen etc. – gleichartige Ausgangspositionen einzuräumen.“

Die von John Kenneth Galbraith erstmals in diesem Zusammenhang erwähnte und von Sir Anthony B. Atkinson in Ungleichheit mehrfach genannte „Gegenmacht“ ist insofern zu organisieren und attraktiv zu gestalten, wenn wir die Mitte unserer Gesellschaften stärken wollen. In Anlehnung an Hermann Hesses Glasperlenspiel wäre dieser Name dafür durchaus kennzeichnend:

2017-03-03_glasperlenspiel

Neben der erforderlichen Attraktivität dieser Veranstaltungen lässt die von Hesse beschriebene Zukunftswelt noch weitere Vergleiche zu. Einer davon ist das Spiel an sich: spielerisch lernen wir uns zu entwickeln. Ein weiterer ist die mögliche Konsequenz für uns im Einzelnen, als auch für unsere Zivilisationen, wenn wir die Zeichen der Zeit missachten: verzückt durch die „schöne Sonne“ (S 469) wollen wir nicht wissen, wie der Wettkampf mit ihr durch eiskalte Gletscherwasser endet.

2017-03-03_kulturpreis_gute-anfaenge-fairaendern-zukuenfte

Dabei könnten wir unser Glück auch auf friedlichen Wegen erreichen, ohne eigene oder fremde Opfer zu riskieren. Sir Karl R. Popper entwarf hierzu folgendes Bild:

Um einer weiteren „Versklavung der ökonomisch Schwachen“* erfolgreich Einhalt zu gebieten, „müssen wir die ‚bloß formale Freiheit‘ einführen. Und sobald uns das gelungen ist, sobald wir gelernt haben, sie zur Kontrolle der politischen Gewalt zu verwenden, von diesem Augenblick an hängt alles von uns selbst ab. Wir dürfen nicht mehr andere Menschen tadeln, wir dürfen auch nicht die dunklen ökonomischen Dämonen hinter der Szene anklagen. Denn in einer Demokratie besitzen wir den Schlüssel zur Kontrolle der Dämonen. Wir können sie zähmen. Es ist wichtig, daß wir diese Einsicht gewinnen und die Schlüssel gebrauchen; wir müssen Institutionen konstruieren, die es uns erlauben, die ökonomische Gewalt auf demokratische Weise zu kontrollieren und die uns Schutz vor der ökonomischen Ausbeutung gewähren.“*

2017-03-03_postkarten_oekonomie-des-vertrauens_spielende-kinder-auf-der-stiegeGewiss bezieht sich Karl Popper hier insbesondere auf „die Kontrolle der physischen Gewalt und der physischen Ausbeutung“* als „zentrale(s) politische(s) Problem“*. Und dennoch liegt er – trotz der Kenntnis um die verschiedensten Formen von Gewalt – damit sehr nahe am Kern, an dem der erste Hebel anzusetzen ist, wenn wirtschaftliche Rahmenbedingungen Gesundheit gefährden und Leben verkürzen. Peter Schallenberg beschreibt das so:

„Papst Gelasius I. (492-496) entfaltet schließlich die augustinische Zwei-Reiche-Lehre zur Zwei-Gewalten-Lehre, und dies ist dann in der Tat neu gegenüber dem politischen Denken der heidnischen Antike, aber konsequent in der Weiterentwicklung der politischen Eschatologie des Alten Testaments. Zugleich damit entfaltet sich die Differenzierung von sakramentalem forum internum und politischem forum externum, die zwar voneinander unterschieden bleiben – und daher auch Staat und Kirche, Politik und Religion unterschieden sind – und dennoch aufeinander bezogen sind, und zwar in der augustinischen Rangfolge des Innen vor dem Außen: erst eine innere Bekehrung verwandelt die äußeren Umstände, aber zugleich stützen und ermöglichen äußere gerechte Zustände eine innere Bekehrung des Menschen zum Guten, der ohne äußere Gerechtigkeit der inneren Lieblosigkeit zum Opfer fiele.“**

2017-03-03_kulturpreis_eintrittskarte

Aktiv an der FAIRänderung wirtschaftlicher Rahmenbedingungen mit zu gestalten heißt, das Wohl der sonst Leidenden zu verbessern, „da soziale Sicherheit zu wirtschaftlicher Effizienz, Stabilität und Kontinuität in der Gesellschaft beitragen“***. Sich mit voller Kraft dafür einsetzen gefährdet den sozialen Frieden weniger, als dies zu unterlassen, denn mit Popper können wir sagen: in der Demokratie besitzen WIR durch die Herrschaft des Staatsvolkes die Schlüssel zur Kontrolle der Dämonen und aus unseren Erkenntnissen heraus MÜSSEN wir Institutionen konstruieren, die die ökonomische Gewalt auf demokratische Weise kontrollieren und so Schutz gewähren vor ökonomischer Ausbeutung!

2017-05-10_katholisch-de_citypastoral


*| Karl R. Popper, in: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde 2, München: Francke, 1980, 6. Aufl., S 159 – weitere Textausschnitte

**| Peter Schallenberg, in seinem Vorwort: „Die franziskanische Spiritualität und eine christliche Moralökonomie“ zur deutschen Ausgabe: Zivilökonomie, Paderborn: Ferdinand Schöningh, 2013, S 23  – weitere Textausschnitte

***| Harald Bretschneider, in seinem Referat „Diakonie und Wettbewerb“ während der 3. Tagung der 9. Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland, Münster, 1. bis 6. Nov. 1998

2017-03-05_die-folgen-wirtschaftlicher-rahmenbedingungen

communio

logo_communio-bosolei-com

Aus Sicht der Katholischen Soziallehre ist Armut zumeist Ergebnis von strukturellen Barrieren, die Menschen in ihren Möglichkeiten begrenzen und sie somit in ihrer persönlichen Entwicklung und Freiheit, in Würde zu leben, einschränken. Sie zeigt sich in vielfältiger Weise und lässt sich nicht allein auf einen Mangel an finanziellen Mitteln reduzieren, sondern bezieht sich auf alle Aspekte des Lebens, die persönliche Entwicklung hemmen. Dies schließt einen unzureichenden Zugang zu Bildung, Sozialdienstleistungen und Energie, aber auch die Folgen der Umweltzerstörung mit ein.

aus: COMECE-Erklärung vom 12.12.2016 „Verschafft Recht den Unterdrückten“ (Psalm 82,3)

 

… es geht um einen Ausgleich (2Kor 8,13)

Um den verschiedenen Formen struktureller Ausgrenzung wirksam begegnen zu können, bedarf es in einem demokratischen Staatswesen einer reflektierendenlebendigen Kraft aus der Mitte der Gesellschaft. In ihr spiegelt sich „eine Vielfalt und eine Verschiedenheit, die der Einheit nicht nur nicht im Wege stehen, sondern ihr im Gegenteil den Charakter der ‚Communio‘ verleihen“ (Communionis notio 15).

Wie die europäischen Bischöfe in ihrer COMECE-Erklärung vom 12.12.2016 die EU auffordern, „ihren Dialog mit allen relevanten Akteuren zu verstärken„, ebenso sehr sind wir im Rahmen der

diakonie

Diakonie auf nationaler Ebene aufgefordert, den Interessensausgleich zwischen verschiedenen Anspruchsgruppen zu suchen und strukturell zu manifestieren. Ohne diese Bemühungen blieben viele weiterhin arm! Dazu ist auch jene Wortspende von Diözesanbischof Manfred Scheuer anlässlich des Tages der Arbeitslosen 2017 zu zählen: „Durch die Erwerbsarbeit und die Höhe des daraus resultierenden Einkommens werden Menschen bewertet. In einer solchen Gesellschaft werden arbeitslose Menschen und Menschen ohne Erwerbschance buchstäblich ‚wertlos‘ gemacht.“

KONSENT-KULTURpreis_ZivilFAIRsammlungen

Aus der Mitte der Gesellschaft empfohlene und gewürdigte Organisationen aus der Zivilgesellschaft oder Menschen aus Politik, Wirtschaft, Kunst & Kultur oder sozialen Diensten können die mit dem Interessenausgleich verbundenen Aufgaben zB im Rahmen von nationalen ZivilFAIRsammlungen leisten und so die erforderlichen Brückenfunktionen erfüllen. Diese bestehen zuerst darin, die Themen der Ausgegrenzten & Randgruppen in den Vordergrund zu rücken, ganz nach dem Motto des schwächsten Gliedes, an dem die Kette – in unserem Fall die Gemeinschaft – zu brechen droht. An zweiter Stelle steht der Meinungsaustausch mit parteipolitischen Interessenvertreter*innen im Sinne von Town-Hall-Meetings. Dies erfordert unser Engagement für die Wahl unserer Vertreter*innen in die ZivilFAIRsammlungen, denn die Verantwortung für die Gestaltung eines friedlichen Miteinander beginnt bei uns.

2017-06-08_wiener-zeitung_bahnticket-geht-unter-die-haut

 

Friedrich L. Sell und Marcus Wiens in Gesellschaftspolitik: Überwindung des Vertrauensdilemmas kann erfolgen durch

  • gegenseitige Sympathie
  • Information/hoher Wissensstand übereinander
  • wiederholte Interaktionen und
  • Moral

Aus einer christlich-moralökonomischen Sicht liest sich das so: „… erst eine innere Bekehrung verwandelt die äußeren Umstände, aber zugleich stützen und ermöglichen äußere gerechte Zustände eine innere Bekehrung des Menschen zum Guten, der ohne äußere Gerechtigkeit der inneren Lieblosigkeit zum Opfer fiele.“ (Peter Schallenberg, in: Zivilökonomie, 2013, S 23)

2017-02-22_ehemaliger-header-auf-twitter_regionale-wirtschaftsstrukturen-fuer-generationen_mit-schallenberg-zitat

Diese und die Seite „FAIRteilung“ zum Download als pdf


Weiterlesen, -sehen & -hören

Qualifizierte Erwerbslose

2017-02-23_ooe-nachrichten_arbeitsmarkt-oesterreich-arbeitslose-offene-stellen_bis-2013

Grafik 1: Arbeitsmarkt in Österreich

Wenn knapp 500.000 Erwerbsarbeit Suchende mit rund 40.000 offenen Stellen konfrontiert sind, wie sehr steigen dann ihre Chancen, durch Qualifizierung einen Vollerwerbsarbeitsplatz angeboten zu erhalten? Die Beantwortung dieser Frage erfordert lediglich die Kenntnis der Grundrechnungsarten.

Dennoch wird immer wieder versucht, die Schuld bei den Betroffenen zu finden:

2017-02-23_der-standard_was-der-kern-vorschlag-am-arbeitsmarkt-bringt_s-17

Doch so einfach ist die Sache nicht und die Geschichte lehrt uns, dass es auch anders geht:

Vollbeschäftigung führte in Österreich am Beginn der 1970er-Jahre zu einer Umkehrung der Kräfteverhältnisse auf dem Arbeitsmarkt (siehe Grafik 1): die Anzahl der offenen Stellen überstieg jene der vorgemerkten Arbeitslosen. Die aus der „Knappheit an Arbeitskräften (resultierenden) Kräfteverhältnisse auf dem Arbeitsmarkt zugunsten der ArbeitnehmerInnen“* bewirkten, dass 1975 die 40-Stunden-Woche eingeführt wurde.

Die Liberalisierung verschiedener Märkte und die Öffnung der Grenzen kehrte diese Kräfteverhältnisse um und stärkte international agierende Investoren zulasten regional tätiger Unternehmen und deren Beschäftigten. Die Folgen davon waren steigende Gewinnquoten und sinkende Lohnquoten:

2017-02-23_kontrast-blog_lohn-gewinnquote-oesterreich

Mit anderen Worten: die Früchte** der Wertschöpfung in den jeweiligen Ländern ernteten zunehmend Unternehmen, während der Anteil für die Beschäftigten schrumpfte.

2017-04-03_suedwind-magazin_seite-42_rand-der-gesellschaft-wird-bewusst-produziert

Robert Sommer (Augustin): Wer marginalisiert ist, arbeitet für jeden Lohn.

In seinem letzten großen Werk „Ungleichheit“ lässt Sir Anthony B. Atkinson die dahinter stehende Lobbyarbeit zugunsten der Wenigen, die davon profitieren, durch den Vorsitzenden der Börsenaufsichtsbehörde SEC (Securities and Exchange Commission) erläutern. Dieser „beschrieb, wie ‚Gruppen, die Wall-Street-Firmen, Investmentgesellschaften, Wirtschaftsprüfungsunternehmen oder Konzernmanager vertraten, sofort ihren Einfluss geltend machten, um selbst geringfügige Gefahren abzuwehren. Einzelne Investoren, die keine Gewerkschaften oder Wirtschaftsverbände hinter sich hatten, um ihren Forderungen in Washington Nachdruck zu verleihen, wurden vor vollendete Tatsachen gestellt.’“***

Atkinson folgerte daraus:

„Deutlicher lässt sich die Notwendigkeit einer Gegenmacht nicht zum Ausdruck bringen.“ (S 143)

„Wenn Menschen auf Null-Stunden-Verträge ohne Lohngarantie eingehen, so deshalb, weil sie auf dem Arbeitsmarkt machtlos sind. Wie erwähnt, müssen wir Vorkehrungen treffen, um ein gerechtes Machtgleichgewicht zwischen den Parteien solcher Verhandlungen herzustellen – mit anderen Worten, wir müssen die Gegenmacht der Verbraucher und Arbeitnehmer stärken.“ (S 191)

2017_karte_politische-macht

Wir sollten uns Atkinson und vielen anderen anschließen, die sich für mehr Gerechtigkeit in der Wirtschaft einsetzen, denn … „es geht um einen Ausgleich“ (2Kor, 8,13).


*| Markus Marterbauer: Soziale Dienstleistungen, Arbeitszeitverkürzung, Vermögensbesteuerung – Elemente einer emanzipatorischen Sozial- und Wirtschaftspolitik in Europa; in: Kurswechsel 2/2014, S 49

**| Papst Franziskus in seiner Ansprache beim Welttreffen der Volksbewegungen am 9. Juli 2015: „Die gerechte Verteilung der Früchte der Erde und der menschlichen Arbeit ist keine bloße Philanthropie. Es ist eine moralische Pflicht.“ … und am 6. Mai 2016 setzt er anlässlich der Verleihung des Karlspreises fort: „Wenn wir unsere Gesellschaft anders konzipieren wollen, müssen wir würdige und lukrative Arbeitsplätze schaffen, besonders für unsere jungen Menschen.

Das erfordert die Suche nach neuen Wirtschaftsmodellen, die in höherem Maße inklusiv und gerecht sind. Sie sollen nicht darauf ausgerichtet sein, nur einigen wenigen zu dienen, sondern vielmehr dem Wohl jedes Menschen und der Gesellschaft.“

***| Anthony B. Atkinson, in: Ungleichheit, Stuttgart: Klett-Cotta, 2016, S 143; Zitat: Hacker und Pierson, „Winner-Take-All Politics“, S 192


Weiterlesen

Unfrei durch Überstunden

Vollbeschäftigungs-Initiative 23

Unfrei durch Überstunden

2017-02-21_pixabay_kaefig-gold-vogel-gefaengnis_unfrei-durch-ueberstunden

Die folgende Geschichte zeigt, wie unfrei die Arbeitswelt abseits von Vollbeschäftigung ist, obwohl bestehende Schutzbestimmungen dies verhindern sollten. Dennoch wird versucht, die Flexibilisierung weiter voran zu treiben.

Wenn Stimmung gemacht werden soll für eine Erhöhung der Normalarbeitszeit auf 10 Stunden pro Arbeitstag, dann lädt die zuständige Interessenvertretung in der Steiermark ein in ihren Europasaal. Thema des Abends war: Arbeitszeitflexibilisierung: Für beide Seiten ein Gewinn? Um Konsens bemüht, wurde auch der Spitzenvertreter der anderen Interessen eingeladen.

207-02-21_armutskonferenz_wilkinson_lebensqualitaetIn meiner Wortmeldung aus dem Publikum erwähnte ich, wie sehr ein Freund von mir unter dem Druck des unfreiwilligen 11 bis 12-Stunden-Arbeitstages zu leiden hat. Vor wenigen Jahren hatte er mir erzählt, wie ein externer Berater des international tätigen Unternehmens darauf drängte, nie mehr als 10 Stunden pro Tag zu arbeiten. Daraufhin stempelte sein Kollege fortan bei Erreichen dieses Limits aus und arbeitete gratis weiter. Die Chancen auf dem Arbeitsmarkt abseits von Vollbeschäftigung zwingen dazu. Nun ist er selbst in dieser misslichen Lage, denn mit über 50 Jahren und Krediten für das Haus gibt es auch für ihn mittlerweile keine Alternative.

Unmittelbar danach wurde ich darauf hingewiesen, dass es sich bei diesem Unternehmen wohl um ein schwarzes Schaf handeln würde.

Am Ende der Veranstaltung fühlte sich der Vertreter eines anderen renommierten Unternehmens in Graz besonders schlau, indem er sich an mich wandte mit dem Argument, dass mein Freund unter flexibleren gesetzlichen Rahmenbedingungen diese Mehrleistung monetär abgegolten bekäme. Führungskräfte, die derart unsensibel auf illegale Vorkommnisse in der Arbeitswelt reagieren, führen weniger im positiven Sinne, als sie vielmehr versuchen zu verführen. Hans-Joachim Gergs:

Der Schlüssel zum Ganzen ist die geistige Haltung des Managements.“.

2017-02-22_aufstand-der-seidenweber-in-lyon

Mit dem Verweis auf den globalen Wettbewerb kann in der Bevölkerung und gewiss auch bei vielen Funktionär*innen – aus welchen Gründen auch immer – gepunktet werden, um betriebswirtschaftlich argumentierte Einzelinteressen durchzusetzen. Die Geschichte lehrt uns allerdings, dass Globalisierungseffekte auch soziale Aspekte in den Vordergrund der politisch Handelnden rücken können – und dies angesichts überzogener, nationalistischer Bestrebungen auch sollten. Sir Anthony B. Atkinson meinte dazu in Ungleichheit – Was wir dagegen tun können:

„Es ist ausdrücklich darauf hinzuweisen, dass der moderne Wohlfahrtsstaat in dieser Globalisierungsphase vor dem Ersten Weltkrieg entstand, denn es wird gelegentlich behauptet, er habe seinen Ursprung in der Zwischenkriegszeit. …
Richtig ist auch, dass die Leistungen der verschiedenen europäischen Sozialsysteme in der Zwischenkriegszeit ausgeweitet wurden. … So schrieb 1913 ein amerikanischer Beobachter, … ‚die Bewegung für die Sozialversicherung ist eine der wichtigsten Weltbewegungen unserer Zeit.'“. (S 339)

Dass es mitten in Europa auch Länder gibt, die einen ausgeglicheneren Weg beschreiten, um wirtschaftlich zu reüssieren und gleichzeitig glücklicher zu sein, diese Fakten werden von gut dotierten Überzeugungsarbeiter*innen dennoch gerne unter den Tisch gekehrt.

2017-02-21_blog-arbeit-wirtschaft_wochenarbeitszeit-eu-kollektivvertrag


Weiterlesen

Arbeitszeitflexibilisierung: Zukunftsvision oder Rückschritt?

Wege aus der Krise fordert die Einführung einer Abgabe für gesundheitsschädliche Überstunden

Mehr Freiheit für weniger Bildung

In der großen französischen Revolution des Jahres 1789 ging es den Aufständischen um liberté (Freiheit), égalité (Gleichheit – vor dem Gesetz) und fraternité (Brüderlichkeit – wird heute oft mit Geschwisterlichkeit übersetzt). Von Bildung war da trotz des längst angebrochenen humanistischen Zeitalters keine Rede. Im Vordergrund stand der blutige Kampf gegen die absolute Herrschaft des Königs.

Sind wir heute – weit über Frankreich hinaus – nicht wieder in einer ähnlichen Situation? Werden Erwartungs- und Leistungsdruck auf Erwerbstätige, Kinder oder Ausgegrenzte nicht bereits ohnehin standardgemäß bis zum Burnout ausgereizt? Und dennoch lässt der Druck zB auf eine längere Normalarbeitszeit weiterhin nicht nach …

2017-02-19_karrieren-standard_interview-heinzlmaier_ausbau-bildungsinstitutionenWer in dieser Situation noch meint: „Wir brauchen dringend einen Ausbau der Bildungsinstitutionen für das untere, prekäre bis abgekoppelte Drittel der Gesellschaft.“, handelt er dann nicht fahrlässig in dem Sinne, dass er damit – trotz Beteuerung, „kein Freund von Pflichten“ zu sein – genau bei jenen den bereits vorhandenen Druck erhöht, denen er helfen möchte? Betrachten wir die Situation beim heranwachsenden oberen Drittel der Gesellschaft,  dann sind auch hier „Bildungsmängel“ zu konstatieren, insbesondere dann, wenn „italienische Uniprofessoren“ meinen, „Studenten können nicht rechtschreiben“.

Ist es nicht vielmehr so, dass die ältere und damit erfahrenere Generation die entstehenden Bildungslücken frühzeitig erkennen hätte können, um ihnen präventiv zu begegnen? Stellt die selbe Generation Sozialisations- und Habitusdefizite fest, dann frage ich mich: und was hat sie dagegen bisher unternommen?

2017-02-19_karrieren-standard_interview-heinzlmaier_sozialisations-und-habitusdefizite

Sollten sich die solcherart Kritisierenden nicht konsequenterweise an  ihre eigenen Schützlinge wenden mit dem Hinweis „es ist Zeit, etwas zu tun“?

Verantwortung an Politik, Schule, Universitäten zu übertragen ist der eine Weg; der andere ist, der Jugend die Freiheit zu gewähren, die ihr zusteht. Diese über mögliche Folgen ihres Handelns „aufzuklären“ ist nicht Aufgabe jener, die an dieser Jugend Defizite feststellt. Es ist schließlich IHRE Zukunft, die sie – womöglich, weil nix is fix! – bereits von Beginn weg vernachlässigt. Wer weiß, vielleicht ist das einmal die effektivere Alternative zu jener Entwicklungshilfe, die Länder wie Österreich lieber auf einem selbstverpflichtenden Papier, als in barer Münze leisten.

Und mit der Freiheit wächst auch die FAIRantwortung.


Weiterlesen

Ungleichheit und Rechtspopulismus

Jenseits diktatorischer Ansprüche liegt unsere Freiheit, und die macht, sofern sie von uns zB in Form von Mindestlöhnen genutzt wird, glücklicher > siehe Gleichheit ist Glück: Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind

Mindestlöhne verringern Ungleichheit

Der in Aarhus lehrende Politikwissenschafter Alexander Horn berichtet in „Menschen & Mächte: Arbeiten bis zum Umfallen?„, dass wir in Österreich, Deutschland und in vielen anderen Ländern Kontinentaleuropas gegenüber Dänemark „ein deutlich größeres Maß an Ungleichhheit haben, was die Einkommen angeht“. Ihm zufolge gibt es in Dänemark auch Friseure, die ein „Häuschen“ bauen und das habe damit zu tun, dass es „sektorenspezifische Mindestlöhne“ gibt.

2017-02-16_orf2_menschen-und-maechte_arbeiten-bis-zum-umfallen_alexander-horn_aarhus_mindestlohn-staerkt-einkommensmitte

Horn berichtet über Fakten; doch …

was sagt die Wissenschaft dazu?

Eine der Lieblingsfragen von Anthony B. Atkinson an seine Studierenden war: „Verursacht ein Mindestlohn Arbeitslosigkeit, wenn er über dem Marktlohn festgesetzt wird?“ (Ungleichheit, S 318). Wie erwartet antworteten sie wie aus dem Lehrbuch und erklärten die daraus folgende Arbeitslosigkeit mit einer fallenden Nachfragekurve bei gestiegenen Löhnen. Seine Meinung hingegen war, dass es „mehr als einen Lohn (gibt), der Angebot und Nachfrage ins Gleichgewicht bringt“ (S 319). Die Gründe dafür sind verschieden, eine höhere Produktivität ist der eine: „Sobald die Arbeitgeber erkennen, dass sie durch höhere Löhne größere Produktivität erzielen können, handeln sie nicht mehr nach dem Prinzip der vollkommenen Konkurrenz: Sie handeln als Lohnsetzer.“ (S 320)

2017-02-16_atkinson_ungleichheit_alternative-wirkung-eines-mindestlohns_s-321

Atkinson weiter: „Höhere Löhne können auch ein Mittel sein, Mitarbeiter an die Firma zu binden und dem Arbeitgeber dadurch Fluktuationskosten zu ersparen. Der Effizienzlohn kann aber auch bei der Einstellung eine Rolle spielen. Möglicherweise hat der Arbeitgeber nur unzulängliche Informationen über die Produktivität einzelner Bewerber. Wenn er einen höheren Lohn anbietet, lockt er unter Umständen Kandidaten an, die sich für höher qualifiziert halten als andere Bewerber.“ (S 322). Gewiss, allerdings ist dieses Argument nicht mehr zutreffend, sobald alle Arbeitgeber einen Mindestlohn nicht unterschreiten dürfen. Doch Atkinson antwortet darauf wie folgt:

„Nehmen wir an, der Mindestlohn wird eingeführt. Um wirksam zu sein, muss er über der vom Arbeitgeber gewählten Höhe liegen, so dass dieser einen höheren Betrag zahlen muss. Entscheidend ist aber, dass beim Effizienzlohn auch ein Gewinn für den Arbeitgeber herausspringt; der Extralohn verursacht nicht nur reine Kosten. Denn dank dem gesetzmäßig erhöhten Lohn muss der Arbeitgeber jetzt nicht mehr so stark kontrollieren, um Drückebergerei zu verhindern, weil der Verlust des Arbeitsplatzes für den Arbeitnehmer mit höheren Kosten verbunden wäre (es ist auch möglich, dass der Arbeitnehmer dem Arbeitgeber jetzt mehr Loyalität entgegenbringt). Wenn das Beschäftigungsniveau sowohl vom Lohn als auch von den Kontrollkosten beeinflusst wird, gibt es eine Gegenkraft.“ (S 322)

Diese und andere Gründe können so zu einer von Politikern häufig geforderten ‚Hochlohnwirtschaft‚ führen.

Parlament der Arbeit Suchenden

2017-04-07_documenta_LEARNING-From-ATHENS

SN-Bildunterschrift: Die documenta 14 appelliert an das Publikum, kollektiv Energie zu mobilisieren und zu handeln.

 

Erwerbsarbeit zu suchen ist in einer zunehmend arbeitsteilig organisierten Wirtschaftswelt unumgänglich, um den Lebensunterhalt für sich und bei Bedarf auch für Angehörige zu verdienen. In Zeiten sich weiter ausbreitender Prekarisierung auf den Arbeitsmärkten wird diese Aufgabe nicht leichter; und selbst nach der Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens wird es darum gehen, sich für ein Recht auf Arbeit und angemessene Entlohnung zu bemühen.

Durch Erwerbsarbeit der Armut zu entkommen ist nur ein mögliches Handlungsfeld für die Arbeit eines Parlaments der Arbeit Suchenden. Die Förderung der „freien Berufswahl“ wäre ein weiteres, ebenso wie das Schließen der Einkommensschere durch verschiedene Maßnahmen.

Wer sind die möglichen Nutznießenden eines erfolgreich tätigen Parlaments der Arbeit Suchenden?

Die Zahl der Arbeit Suchenden geht weit über jene der aktuell Erwerbslosen hinaus. Knapp eine Million Menschen sind in Österreich jährlich von Arbeitslosigkeit betroffen. Zudem wird der Anteil jener rapide größer, die mit ihren derzeitigen Arbeitsverhältnissen unzufrieden sind.

Nehmen wir also an, Sie suchen daher – aus welchen Gründen auch immer – nach Alternativen zu Ihrem derzeitigen Arbeitsplatz. 2017-01-28_gallup_engagement-index-2001-2015Wann glauben Sie, wird sich diese Situation für Sie verbessern: bei zunehmender Arbeitslosigkeit oder bei Vollbeschäftigung?

Eine gerechtere FAIRteilung der Arbeitsmenge würde den Freiheitsgrad für Ihre Suche nach (einem alternativen) Arbeitsplatz erhöhen. Um dies zu bewerkstelligen bedarf es einer „größere(n) Vielfalt … neben den üblichen Vertretern von Arbeitgebern, Gewerkschaften und Regierung“ (Atkinson, S 172). Konstatieren wir „unfreiwillige Teilzeitbeschäftigung“ und „prekäre Arbeitsverhältnisse“ als einen Ausdruck von Ungleichheit, dann können wir mit dem selben Autor feststellen: „Wenn das stimmt, können Maßnahmen zur Verringerung der Ungleichheit nur dann erfolgreich sein, wenn es gelingt, Gegenkräfte zu mobilisieren.“ (Atkinson, a. a. O., S 111)

2017-04-26_agenda-austria_freie-stellen_arbeitslosenrate_oesterreich

Wenn Anthony B. Atkinson ab 1980 eine Ungleichheitswende festgestellt hat, dann sehen wir an dieser Grafik, was er damit gemeint haben könnte. Um in Zeiten niedriger Wachstumsraten die Marktverhältnisse von damals wieder herzustellen, bedarf es politischer Anstrengungen, die nur mit vereinten Kräften „von unten“ erfolgreich zum Ziel = Vollbeschäftigung für ALLE“ geführt werden können.

2017-04-26_lohnquote-gewinnquote-oesterreich

Eine langfristig über der Vollbeschäftigung liegende Erwerbslosenrate hat ja nicht nur unmittelbare Auswirkungen auf die Betroffenen, sie wirkt auch dämpfend auf die Lohnsituation der Arbeitenden. Insofern ist es nur logisch, dass sich auch jene, die (derzeit noch) in einem Arbeitsverhältnis leben (dürfen), um die Anliegen und die negativen Auswirkungen der vom Arbeitsmarkt unfreiwillig Ausgegrenzten interessieren und sich für deren Begehren einsetzen, weil sie sich (heute schon und morgen vielleicht noch mehr) ebenso sehr in IHRER Existenz bedroht fühlen (sollten/werden).

Einladung zur Mitwirkung

Um unseren in Bedrängnis geratenen Sozialstaaten unter die Arme zu greifen 2017-02-08_marketwatch_piketty_grafik-einkommensscherekann ein Parlament* der Arbeit Suchenden an jedem beliebigen Ort zB in Form eines Workshops tagen.

Lassen Sie sich hierzu von den Veranstalter*innen einladen und bringen Sie zu bestimmten Fragen Ihre Ideen, Anregungen, Visionen für ein besseres Leben in die Debatten ein. Zur Erzielung einer starken gemeinsamen Stimme sollten sich die Betroffenen um den Aufbau einer zivilgesellschaftlich legitimierten Gegenmacht bemühen mit dem Ziel, die Institution einer ZivilFAIRsammlung zu gründen.

Wir** freuen uns auf zahlreiche Engagements im Sinne des gemeinsamen Interesses zur Förderung „guter ARBEIT„.

Noch Fragen? Wenn ja, dann verwenden Sie, bitte, dieses Formular:

*| Der Begriff „Parlament der …“ ist angelehnt an das von der Armutskonferenz organisierte „Parlament der Ausgegrenzten“. Mein Thema bei der zweiten Durchführung im Jahr 2016 war Vollbeschäftigung.
**| „Wir“, das sind der Verein AMSEL und Partnerorganisationen

logo_pas_wordpress

Gegenmacht

2017_karte_politische-macht

„In seinem Buch ‚Der amerikanische Kapitalismus im Gleichgewicht der Wirtschaftskräfte‘ (‚American Capitalism‘) schrieb er Anfang der fünfziger Jahre auf, wie wenig die Wirklichkeit mächtiger Konzerne seines Erachtens mit der Theorie vollkommener Märkte zu tun hatte. Das System funktioniere nur, weil die Industriegiganten auf eine Gegenmacht in Form von Gewerkschaften und anderen gesellschaftlichen Gruppen treffen. Wo dieser Gegenpol nicht zustande komme, müsse der Staat einspringen und selbst das Gleichgewicht der Kräfte wiederherstellen.“

Uwe Jean Heuser im Vorwort zu: Die Ökonomie des unschuldigen Betrugs von John Kenneth Galbraith, S 15

Als humane (Staats-)Wesen sind wir eingebettet in kulturell inspirierte und zum Teil in Gesetzen ausgedrückte soziale Landschaften. Diese werden bestimmt durch gesellschaftliche Kräfte, auf die wir gestaltend Einfluss nehmen können und – mitunter – auch sollten! Wissend um die „Ungleichheitswende“ (Sir Anthony B. Atkinson) in den 1980er-Jahren liegt es an uns, sich regional bis weltweit dafür e2017-02-03_sozialfeld-nach-bourdieu_vereinfacht_blog-arbeit-wirtschaftinzusetzen, die seither blühende und krank machende Ungleichheit auf das bereits erprobte Niveau (davor) zu heben.

Eine „gerechte Steuerpolitik“ und eine „Bildungspolitik für mehr gesellschaftlichen Zusammenhalt“ sind nur zwei der möglichen Schritte auf unserem Weg, Armut und prekäre Lebensverhältnisse erfolgreich zu bekämpfen. Damit können auch drohende oder bereits vorhandene „gesellschaftliche Bruchlinien“ reduziert werden – u. a. aus diesem einfachen Grund: weil vielen bisher Benachteiligten mehr Perspektiven bei ihren Entscheidungsfindungen eröffnet werden. So bietet eine reguläre Anstellung auf dem ersten Arbeitsmarkt für rund die Hälfte der zuvor Erwerbslosen einen Schritt aus der Armut.

2017-03-18_zeitzeichen_S-11_ILO_Arbeitsmarkt-aktiv-gestalten_gesetzl-hoheit-bei-nationalstaaten

Die FAIRteilungsmacht liegt in den Händen der Nationalstaaten

Doch die MACHTverhältnisse auf den Arbeitsmärkten sprechen gegen Erwerbslose und prekär Beschäftigte. Atkinson formuliert dies so:

„In erheblichem Maße erwächst das Marktergebnis gegenwärtig aus der Verhandlungsmacht der verschiedenen Teilnehmer. Wenn Menschen auf Null-Stunden-Verträge ohne Lohngarantie eingehen, so deshalb, weil sie auf dem Arbeitsmarkt machtlos sind. Wie erwähnt, müssen wir Vorkehrungen treffen, um ein gerechtes Machtgleichgewicht zwischen den Parteien solcher Verhandlungen herzustellen – mit anderen Worten, wir müssen die Gegenmacht der Verbraucher und Arbeitnehmer stärken.“ (Ungleichheit, S 191)

Am sinnvollsten wird es sein, wenn die Betroffenen sich organisieren und selbst stärken. Ein „Parlament der Arbeit Suchenden“ oder „ZivilFAIRsammlungen“ als Ergebnis überregionaler Kooperation von Kulturpreisträger*innen könnten diesbezüglich wesentliche Beiträge leisten.

2017-01-26_konsent-kulturpreis_konzernlobbyismus-rat-fuer-buergerbeteiligung

„Der Glaube, letztlich hätten die Eigentümer das Sagen, hat sich indes bis heute gehalten. Auf den Hauptversammlungen erhalten die Aktionäre Informationen zur Geschäftsentwicklung, Ertragslage, künftigen Unternehmensstrategie und zu vielen weiteren Sachthemen. Vieles davon ist bereits bekannt. Ein solches Aktionärstreffen gleicht einem baptistischen Gottesdienst. Die Herrschaft der Manager wird in keiner Weise geschmälert; dazu gehört auch, dass sie ihre Vergütung in Form von Barbezügen oder Aktienbezugsrechten weitgehend nach eigenem Belieben festsetzen.“

John Kenneth Galbraith, in: Die Ökonomie des unschuldigen Betrugs, München: Pantheon, März 2007, 1. Aufl., S 78


Weiterlesen

Uwe Jean Heuser: Unschuldiger Betrug

Forderungen der International Labour Organization (ILO) in ihrem World Employment and Social Outlook (WESO) 2016 – Transforming jobs to end poverty

In Brüssel regieren nicht mehr die klassischen LobbysAnmerkung: Die Nachhaltigkeit dieses Trends steht jedoch weiterhin auf dem Prüfstand und erfordert daher auch in Zukunft Maßnahmen zur weiteren Stärkung der Zivilgesellschaft

Das Wendejahr 2017 begann vielversprechend: Wer Menschenrechte verletzt soll büßen