Unfrei durch Überstunden

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Die folgende Geschichte zeigt, wie unfrei die Arbeitswelt abseits von Vollbeschäftigung ist, obwohl bestehende Schutzbestimmungen dies verhindern sollten. Dennoch wird versucht, die Flexibilisierung weiter voran zu treiben.

Wenn Stimmung gemacht werden soll für eine Erhöhung der Normalarbeitszeit auf 10 Stunden pro Arbeitstag, dann lädt die zuständige Interessenvertretung in der Steiermark ein in ihren Europasaal. Thema des Abends war: Arbeitszeitflexibilisierung: Für beide Seiten ein Gewinn? Um Konsens bemüht, wurde auch der Spitzenvertreter der anderen Interessen eingeladen.

207-02-21_armutskonferenz_wilkinson_lebensqualitaetIn meiner Wortmeldung aus dem Publikum erwähnte ich, wie sehr ein Freund von mir unter dem Druck des unfreiwilligen 11 bis 12-Stunden-Arbeitstages zu leiden hat. Vor wenigen Jahren hatte er mir erzählt, wie ein externer Berater des international tätigen Unternehmens darauf drängte, nie mehr als 10 Stunden pro Tag zu arbeiten. Daraufhin stempelte sein Kollege fortan bei Erreichen dieses Limits aus und arbeitete gratis weiter. Die Chancen auf dem Arbeitsmarkt abseits von Vollbeschäftigung zwingen dazu. Nun ist er selbst in dieser misslichen Lage, denn mit über 50 Jahren und Krediten für das Haus gibt es auch für ihn mittlerweile keine Alternative.

Unmittelbar danach wurde ich darauf hingewiesen, dass es sich bei diesem Unternehmen wohl um ein schwarzes Schaf handeln würde.

Am Ende der Veranstaltung fühlte sich der Vertreter eines anderen renommierten Unternehmens in Graz besonders schlau, indem er sich an mich wandte mit dem Argument, dass mein Freund unter flexibleren gesetzlichen Rahmenbedingungen diese Mehrleistung monetär abgegolten bekäme. Führungskräfte, die derart unsensibel auf illegale Vorkommnisse in der Arbeitswelt reagieren, führen weniger im positiven Sinne, als sie vielmehr versuchen zu verführen. Hans-Joachim Gergs:

Der Schlüssel zum Ganzen ist die geistige Haltung des Managements.“.

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Mit dem Verweis auf den globalen Wettbewerb kann in der Bevölkerung und gewiss auch bei vielen Funktionär*innen – aus welchen Gründen auch immer – gepunktet werden, um betriebswirtschaftlich argumentierte Einzelinteressen durchzusetzen. Die Geschichte lehrt uns allerdings, dass Globalisierungseffekte auch soziale Aspekte in den Vordergrund der politisch Handelnden rücken können – und dies angesichts überzogener, nationalistischer Bestrebungen auch sollten. Sir Anthony B. Atkinson meinte dazu in Ungleichheit – Was wir dagegen tun können:

„Es ist ausdrücklich darauf hinzuweisen, dass der moderne Wohlfahrtsstaat in dieser Globalisierungsphase vor dem Ersten Weltkrieg entstand, denn es wird gelegentlich behauptet, er habe seinen Ursprung in der Zwischenkriegszeit. …
Richtig ist auch, dass die Leistungen der verschiedenen europäischen Sozialsysteme in der Zwischenkriegszeit ausgeweitet wurden. … So schrieb 1913 ein amerikanischer Beobachter, … ‚die Bewegung für die Sozialversicherung ist eine der wichtigsten Weltbewegungen unserer Zeit.'“. (S 339)

Dass es mitten in Europa auch Länder gibt, die einen ausgeglicheneren Weg beschreiten, um wirtschaftlich zu reüssieren und gleichzeitig glücklicher zu sein, diese Fakten werden von gut dotierten Überzeugungsarbeiter*innen dennoch gerne unter den Tisch gekehrt.

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