Auwaldgasse 67

Denn wer bittet, der empfängt; wer sucht, der findet; und wer anklopft, dem wird geöffnet. (Mt 7,8)

Am Schluss ihres Büchleins Mein kleines Schmetterlingsbuch schreibt die deutsche Blumen- und Tiermalerin Mila Lippmann-Pawlowski: “Lernst du die Schönheit im Kleinen sehn, wirst du des Schöpfers Größe verstehn.”

Darstellung des Apollo-Falters auf Seite 36 in “Mein kleines Schmetterlingsbuch” von Mila Lippmann-Pawlowski

Angesichts der verschiedenen Zufälle, die uns im Leben begleiten – siehe beispielsweise Birgit Jankovic-Steiner oder Peter Rosegger – und bei ihrer Beachtung dieses mitunter mitgestalten, frage ich mich eher, zu welcher Größe wir befähigt werden als Kinder dieser Welt, sofern wir in sie entsprechend eingebettet sind. Einer Welt, in die wir ungefragt hineingeboren werden, die uns immer wieder fordert und – hoffentlich – beglückt.

Hineingeboren in eine Kellerwohnung eines Arbeiterehepaars in Graz-Liebenau, waren die Aussichten auf ein glückendes Leben nicht die rosigsten. Zudem verlor ich im Alter von zweieinhalb Jahren aufgrund einer Darmgrippe die Hälfte meines Körpergewichts und nur dank eines Arztwechsels konnte ich überleben. Jahre später schenkte mir dann Frau Dr. Hildegard Sekol dieses kleine Schmetterlingsbuch einer Malerin, die mit dem Verleger und Sudetenländer Herbert Pawlowski verheiratet war.

Die Flucht der Pawlowskis nach Kitzbühel sowie die Vertreibung (Absiedlung) meines Vaters und seiner Familie aus dem Sudetenland legen es nahe, diese Schicksale zu vergleichen.


Der Vergleich sei vielmehr die Grundlage politischer Urteilskraft, so Münkler, auf die Demokratien existenziell angewiesen sind.

Gwendolin Lehnerer in ihrer Rezension zu Herfried Münklers „Macht im Umbruch“


Ob „wilde Vertreibung“ oder „Absiedlung“, in beiden Fällen waren Gewaltakte auf unterschiedlichen Ebenen politischen Geschehens wirksam. Die negativen Folgen für die Betroffenen können ebenso traumatisieren wie ein weitaus schrecklicheres Leid, das Menschen im Zuge kriegerischer und nationalistischer Auseinandersetzungen erleben. Wir müssen keine Nähe dazu verspüren, doch allein der Hinweis von Primo Levi, wonach „es wieder geschehen [kann]“ sollte ausreichen, um die Verantwortung dafür wahrzunehmen, sich Demokratie stärkend und Frieden fördernd zu engagieren.

Außenfassade des Stieglerhauses in St. Stefan ob Stainz mit dem bekannten Zitat des italienischen Schriftstellers, Chemikers und Überlebenden des Holocaust Primo Levi.

Kurt Remele zitierte in „Es geht uns allen besser, wenn es allen besser geht“ (2021) Carola Rackete, die „im Juni 2019 mediale Aufmerksamkeit [erweckte], als sie mit einem Rettungsschiff, auf dem sich 40 aus dem Mittelmeer geborgene Flüchtlinge befanden, trotz Verbotes der italienischen Behörden im Hafen der Insel Lampedusa anlegte. ‚Wir müssen aufhören, auf andere zu hoffen,‘ ist in ihren Reflexionen zu dieser Aktion zu lesen, ‚und stattdessen selbst handeln.‘ Für viele gläubige Menschen zählt zu diesen anderen, auf die sie ihre Hoffnung setzen, der allmächtige und barmherzige Gott. Doch so, wie es eine ‚billige Gnade‘ gibt, die Dietrich Bonhoeffer scharf kritisierte, so gibt es auch eine ‚billige Hoffnung‘: Gott werde alles zu einem guten Ende führen, wenn wir auf ihn hoffen, unsere Hände dreimal am Tag falten und für die restliche Zeit in den Schoss legen.“ (S 152)

Vergleichbar dazu Johannes Webhofer: „Die Verantwortung dafür tragen wir alle. Wer die Möglichkeit hat, Räume zu öffnen, Dialoge zu initiieren oder Brücken zu bauen, trägt die Verantwortung, es zu tun. Gleichgültigkeit ist keine Option.“ Wenn er daraufhin auf forschung.praxis.dialog verweist, dann fallen mir darin besonders zwei Autorinnen auf: Dorothée de Nève mit „Politische Partizipation und Orte der Begegnung“ sowie Tamara Ehs mit „Begegnung schaffen – Wie Bürgerräte die Demokratie fördern“.

In „Politische Partizipation jenseits der Konventionen“ von Dorothée de Nève und Tina Olteanu (2013) gibt es einen Beitrag von Daniel Baron: „Politische Partizipation durch Losentscheid. Ein systematisierender Typologisierungsansatz“, der mir insofern sehr sympathisch ist, weil eine partizipativere Demokratie/Gesetzgebung – im Vergleich zur Parteiendemokratie oder autokratischeren Herrschaftsverhältnissen – die Notwendigkeit zur aufwändigen Organisation von Protest weniger wahrscheinlich erscheinen lässt. Darin könnte ein präventiver Ansatz zur Vermeidung von Leid verborgen sein.

Die KI ChatGPT bietet dazu Antworten in folgendem argumentativen Essay:

Die Sehnsucht nach der starken Person – und wie Partizipation Leiden vorbeugen kann

Demokratien beruhen auf Pluralismus: Macht wird verteilt, Interessen konkurrieren, Entscheidungen entstehen im Aushandlungsprozess. Dennoch suchen Wählende immer wieder das politische Heil bei einzelnen Persönlichkeiten. Dieses Spannungsverhältnis ist kein Betriebsunfall moderner Demokratien, sondern Ausdruck einer tiefen Ambivalenz: Zwischen dem Bedürfnis nach kollektiver Selbstregierung und der Sehnsucht nach Orientierung in einer komplexen Welt.

I. Warum Personalisierung so attraktiv ist

Moderne Gesellschaften sind hochkomplex. Wirtschaft, Klimapolitik, Migration, Sicherheit – all diese Politikfelder sind durch globale Verflechtungen, Unsicherheiten und widersprüchliche Expertisen geprägt. Nach dem Soziologen Niklas Luhmann reagieren Menschen auf Komplexität mit Reduktion. Eine einzelne Person erfüllt genau diese Funktion: Sie bündelt Verantwortung, verkörpert Richtung und ermöglicht Identifikation.

Hinzu kommt, was Max Weber als „charismatische Herrschaft“ beschrieben hat: In Krisenzeiten wächst die Bereitschaft, Führung als außergewöhnliche persönliche Qualität zu interpretieren. Die starke Figur verspricht Entscheidungskraft dort, wo pluralistische Verfahren als zäh und kompromisshaft erlebt werden.

Auch mediale Logiken verstärken diese Tendenz. Politik wird über Gesichter erzählt, Konflikte personalisiert, Erfolge und Misserfolge zugeschrieben. Der Pluralismus der Entscheidenden bleibt abstrakt; die Einzelperson wird konkret.

Doch die Attraktivität der Personalisierung ist zugleich ihr Risiko: Wird politische Hoffnung ausschließlich an Individuen gebunden, schrumpft das Vertrauen in Institutionen. Enttäuschung schlägt dann schnell in Systemzweifel um.

II. Das Leiden, das aus Ohnmacht entsteht

Politisches Leiden ist nicht nur physischer oder ökonomischer Natur. Es umfasst auch:

  • das Gefühl, nicht gehört zu werden,
  • die Erfahrung institutioneller Ignoranz,
  • das Erleben struktureller Ungleichheit,
  • das Gefühl kollektiver Demütigung.

Wenn Bürgerinnen und Bürger den Eindruck gewinnen, politische Prozesse liefen über ihre Köpfe hinweg, entsteht ein Gefühl demokratischer Ohnmacht. Diese Ohnmacht kann sich in Radikalisierung, Zynismus oder Rückzug äußern.

Die Sehnsucht nach der starken Person ist daher oft weniger autoritäre Versuchung als vielmehr ein Symptom: Sie signalisiert ein Defizit an wahrgenommener Wirksamkeit im pluralistischen Verfahren.

III. Wie partizipative Demokratie präventiv Leiden mindern kann

Partizipative Demokratie zielt nicht primär auf schnellere Entscheidungen, sondern auf frühzeitige Einbindung. Gerade darin liegt ihr friedens- und leidenspräventives Potenzial.

1. Anerkennung statt Marginalisierung

Wer beteiligt wird, erfährt symbolische Anerkennung. Politische Beteiligung signalisiert: Deine Perspektive zählt. Anerkennung reduziert Ressentiment, bevor es sich verfestigt.

Deliberative Theoretiker wie Jürgen Habermas betonen, dass legitime Entscheidungen aus diskursiver Verständigung hervorgehen. Wird dieser Anspruch institutionell eingelöst – etwa durch Bürgerräte oder partizipative Haushalte –, entsteht ein Raum, in dem Konflikte argumentativ verarbeitet werden können, statt sich destruktiv aufzustauen.

2. Frühwarnsystem für soziale Spannungen

Partizipative Verfahren wirken wie Sensoren. Sie machen Unzufriedenheit sichtbar, bevor sie eskaliert. Politische Systeme, die kontinuierlich Rückkopplung erhalten, können:

  • Fehlentwicklungen korrigieren,
  • soziale Ungleichgewichte erkennen,
  • Polarisierung frühzeitig entschärfen.

Leiden wird so nicht nur kompensiert, sondern präventiv reduziert.

3. Selbstwirksamkeit statt Abhängigkeit

Wer politisch mitwirkt, erlebt Selbstwirksamkeit. Dieses Erleben wirkt dem Bedürfnis entgegen, Erlösung von außen zu erwarten. Die Logik verschiebt sich:

Nicht „Er oder sie wird es richten“,
sondern: „Wir tragen Verantwortung.“

Partizipation transformiert politische Subjekte von Zuschauenden zu Mitgestaltenden.

4. Geteilte Verantwortung senkt Enttäuschungsrisiken

Wo Verantwortung kollektiv verteilt ist, kann Enttäuschung nicht total auf eine Person projiziert werden. Das reduziert die Gefahr abrupter Systemkrisen, die aus überhöhten Erwartungen entstehen.

IV. Grenzen partizipativer Prävention

Partizipation ist kein Allheilmittel. Sie kann:

  • durch ungleiche Ressourcen verzerrt werden,
  • durch populistische Mobilisierung instrumentalisiert werden,
  • durch Überforderung Ermüdung erzeugen.

Ohne rechtsstaatlichen Rahmen und Minderheitenschutz kann auch direkte Beteiligung Leiden produzieren. Präventiv wirkt Partizipation nur, wenn sie inklusiv, deliberativ und institutionell abgesichert ist.

V. Synthese: Demokratie zwischen Gesicht und Verfahren

Demokratien benötigen Gesichter. Führung, Verantwortung und Identifikation sind legitime Elemente politischer Ordnung. Doch wenn das Vertrauen in Verfahren schwindet, wird Personalisierung zum Ersatz für strukturelle Legitimität.

Eine klug ausgestaltete partizipative Demokratie kann dieses Ungleichgewicht korrigieren. Sie stärkt:

  • Anerkennung,
  • Selbstwirksamkeit,
  • Dialogfähigkeit,
  • institutionelles Vertrauen.

Dadurch mindert sie jene Formen politischen Leidens, die aus Ohnmacht, Unsichtbarkeit und Entfremdung entstehen.

Die eigentliche Alternative lautet daher nicht: Person oder Pluralismus.
Sondern: Personalisierung ohne Beteiligung – oder Führung eingebettet in geteilte Verantwortung.

Wo Bürgerinnen und Bürger nicht nur wählen, sondern mitgestalten, wird die Sehnsucht nach dem politischen Heilsbringer kleiner. Und wo Hoffnung nicht monopolisiert wird, ist das Risiko kollektiver Enttäuschung geringer.


Auf die Frage, was unter „Personalisierung ohne Beteiligung“ konkret zu verstehen ist lautet die Antwort schließlich:

Wenn Personalisierung Beteiligung ersetzt, bleibt dieses Leiden strukturell bestehen – es wird nur zeitweise überdeckt durch Hoffnung auf die „richtige“ Person.

Partizipative Demokratie wirkt dem entgegen, weil sie:

  • Selbstwirksamkeit erfahrbar macht
  • Konflikte sichtbar und bearbeitbar macht
  • politische Verantwortung verteilt

Ein Gedanke zu „Auwaldgasse 67

  1. Pyranja, 2004: „Als ich noch beim Major war, haben alle, mit denen ich zusammenarbeiten wollte, zuerst nach dem Geld gefragt. Jetzt erreiche ich so viel mehr, obwohl ich überhaupt keine Kohle habe. Und die Leute helfen mir, weil sie einfach Lust darauf haben.“

    „Lebensunterhalt oder – Geld“, sagte Lee erregt. „Geld verdient sich leicht, wenn man bloß Geld will. Aber mit wenigen Ausnahmen wollen die Menschen nicht Geld. Sie wollen Luxus, sie wollen Liebe, und sie wollen Bewunderung.“ (John Steinbeck, in: Jenseits von Eden, Gütersloh: Mohn & Co GmbH, 1961, S 631)

    Wer tiefer schürft wird bei Viktor Frankl weiter fündig: bei ihm finden wir u. a. Antworten auf Fragen nach dem Sinn in unserem Leben, wie zB auch im Leiden. Dabei darf die Synchronizitäts-Geschichte mit seinem Vater (siehe Erläuterungen dazu von Susanne Heine) nicht unerwähnt bleiben.

    Meiner Erfahrung nach wissen alle, die nach Zufallserfahrungen gefragt werden, die eine oder andere Geschichte zu erzählen. So do I. Neben vielen anderen unterschiedlichen Erfahrungen, die mit wissenschaftlichen Augen betrachtet – viele meinen: noch – nicht erklärbar sind, will ich die folgende aus dem (vermuteten) Jahr 2002 nicht vergessen:

    Nachdem ich beim Reifentausch erfahren hatte, dass mindestens ein Reifen meines auberginefarbenen Vectra 2000 schon gefährlich abgefahren war, besuchte ich meine Eltern. Unmittelbar vor dem Einbiegen in die Sackgasse, in dem mein Elternhaus steht, kam mir dasselbe seltene Fahrzeug entgegen. Es blieb im Kreuzungsbereich stehen, weil sich das linke Vorderrad gelöst hatte. Dieses rollte mir auf meiner Fahrbahnhälfte entgegen, weshalb ich zurück fahren musste, um nicht damit zu kollidieren.

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