Mindestlöhne verringern Ungleichheit

Der in Aarhus lehrende Politikwissenschafter Alexander Horn berichtet in „Menschen & Mächte: Arbeiten bis zum Umfallen?„, dass wir in Österreich, Deutschland und in vielen anderen Ländern Kontinentaleuropas gegenüber Dänemark „ein deutlich größeres Maß an Ungleichhheit haben, was die Einkommen angeht“. Ihm zufolge gibt es in Dänemark auch Friseure, die ein „Häuschen“ bauen und das habe damit zu tun, dass es „sektorenspezifische Mindestlöhne“ gibt.

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Horn berichtet über Fakten; doch …

was sagt die Wissenschaft dazu?

Eine der Lieblingsfragen von Anthony B. Atkinson an seine Studierenden war: „Verursacht ein Mindestlohn Arbeitslosigkeit, wenn er über dem Marktlohn festgesetzt wird?“ (Ungleichheit, S 318). Wie erwartet antworteten sie wie aus dem Lehrbuch und erklärten die daraus folgende Arbeitslosigkeit mit einer fallenden Nachfragekurve bei gestiegenen Löhnen. Seine Meinung hingegen war, dass es „mehr als einen Lohn (gibt), der Angebot und Nachfrage ins Gleichgewicht bringt“ (S 319). Die Gründe dafür sind verschieden, eine höhere Produktivität ist der eine: „Sobald die Arbeitgeber erkennen, dass sie durch höhere Löhne größere Produktivität erzielen können, handeln sie nicht mehr nach dem Prinzip der vollkommenen Konkurrenz: Sie handeln als Lohnsetzer.“ (S 320)

2017-02-16_atkinson_ungleichheit_alternative-wirkung-eines-mindestlohns_s-321Atkinson weiter: „Höhere Löhne können auch ein Mittel sein, Mitarbeiter an die Firma zu binden und dem Arbeitgeber dadurch Fluktuationskosten zu ersparen. Der Effizienzlohn kann aber auch bei der Einstellung eine Rolle spielen. Möglicherweise hat der Arbeitgeber nur unzulängliche Informationen über die Produktivität einzelner Bewerber. Wenn er einen höheren Lohn anbietet, lockt er unter Umständen Kandidaten an, die sich für höher qualifiziert halten als andere Bewerber.“ (S 322). Gewiss, allerdings ist dieses Argument nicht mehr zutreffend, sobald alle Arbeitgeber einen Mindestlohn nicht unterschreiten dürfen. Doch Atkinson antwortet darauf wie folgt:

„Nehmen wir an, der Mindestlohn wird eingeführt. Um wirksam zu sein, muss er über der vom Arbeitgeber gewählten Höhe liegen, so dass dieser einen höheren Betrag zahlen muss. Entscheidend ist aber, dass beim Effizienzlohn auch ein Gewinn für den Arbeitgeber herausspringt; der Extralohn verursacht nicht nur reine Kosten. Denn dank dem gesetzmäßig erhöhten Lohn muss der Arbeitgeber jetzt nicht mehr so stark kontrollieren, um Drückebergerei zu verhindern, weil der Verlust des Arbeitsplatzes für den Arbeitnehmer mit höheren Kosten verbunden wäre (es ist auch möglich, dass der Arbeitnehmer dem Arbeitgeber jetzt mehr Loyalität entgegenbringt). Wenn das Beschäftigungsniveau sowohl vom Lohn als auch von den Kontrollkosten beeinflusst wird, gibt es eine Gegenkraft.“ (S 322)

Diese und andere Gründe können so zu einer von Politikern häufig geforderten ‚Hochlohnwirtschaft‚ führen.


Nachtrag vom 22. Juli 2026: ChatGPT antwortet ua wie folgt auf die Frage, inwieweit die hier getroffenen Aussagen (weiterhin) gültig sind, wenn es um eine gerechtere Verteilung der Wirtschaftsleistungen in einer Volkswirtschaft geht?

Bezug zu Ihrem Interesse an partizipativer Demokratie

Da wir in früheren Gesprächen häufig über partizipative Demokratie und gerechte Verteilung gesellschaftlicher Wertschöpfung gesprochen haben, lohnt sich noch ein weiterer Gedanke:

Der Bosolei-Beitrag betrachtet Gerechtigkeit hauptsächlich als Ergebnis der Lohnpolitik. Heute wird zunehmend argumentiert, dass eine gerechtere Verteilung der Wirtschaftsleistung auch durch Mitgestaltung der Wirtschaftsordnung erreicht werden kann, etwa durch

  • stärkere Mitbestimmung der Beschäftigten,
  • Bürger- oder Wirtschaftsforen zu Verteilungsfragen,
  • Genossenschaften,
  • Beteiligung der Beschäftigten am Unternehmenserfolg,
  • deliberative Verfahren zur Ausgestaltung von Steuer-, Sozial- und Lohnpolitik.

Damit verschiebt sich der Fokus von der Frage „Wie hoch soll der Mindestlohn sein?“ zu der weitergehenden Frage „Wer entscheidet eigentlich darüber, wie die Erträge der Volkswirtschaft verteilt werden?“ Diese Perspektive passt gut zu neueren Konzepten einer partizipativen oder deliberativen Demokratie, die wirtschaftliche Verteilungsfragen stärker als demokratische Gestaltungsaufgabe verstehen.